Wadephuls Märchenstunde: Die Türken und das Wirtschaftswunder
Das Auswärtige Amt unter Außenminister Johann Wadephul (CDU), der momentan aufgrund seiner stark umstrittenen Syrien-Äußerungen ohnehin im Kreuzfeuer der Kritik steht, hat mit einer handfesten Geschichtsklitterung für Kritik gesorgt. In einem medial untergegangenen Beitrag vom 17. Oktober auf X verkündete das AA: „Es waren Menschen aus der Türkei, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht & Deutschland mit aufgebaut haben.“
Gereon Bollmann, Mitglied im Familienausschuss des Deutschen Bundestages, erklärt dazu:
„Diese Behauptung widerspricht den historischen Fakten. Das deutsche Nachkriegs-Wirtschaftswunder begann bereits Ende der 40er- und Anfang der 50er-Jahre – mehr als ein Jahrzehnt vor der Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter. Entscheidende Grundlagen waren die Währungsreform vom 20. Juni 1948, die die Reichsmark durch die Deutsche Mark ersetzte, sowie die Wirtschaftshilfe im Rahmen des Marshallplans, die ab 1948 über 1,4 Milliarden Dollar Investitionskapital bereitstellte. Unter Wirtschaftsminister Ludwig Erhard wuchs die deutsche Industrieproduktion zwischen 1950 und 1963 um 185 Prozent, das Bruttosozialprodukt hatte sich bis 1959 bereits verdreifacht.
Die ersten türkischen Gastarbeiter trafen erst am 27. November 1961 in der Bundesrepublik ein – zu einem Zeitpunkt, als das Wirtschaftswunder bereits vollendet war. Zuvor waren bereits Anwerbeabkommen mit Italien 1955, sowie mit Spanien und Griechenland 1960 geschlossen worden.
Die Darstellung des Auswärtigen Amtes kommt einer Verzerrung der tatsächlichen Leistungen der deutschen Nachkriegsgeneration gleich. Unter Wadephul setzt das Auswärtige Amt damit einen Kurs fort, der bereits unter seiner Vorgängerin Annalena Baerbock umstritten war. Die historisch unzutreffende Darstellung des Wirtschaftswunders und des vermeintlichen türkischen Beitrags dazu kann als Versuch gewertet werden, die eigene Migrationspolitik zu legitimieren und ihre tagtäglich sichtbaren Folgen zu relativieren.“
